Ökumene auf marokkanisch

Zuerst erschienen auf theologiestudierende.de

Nicht nur die Lage der katholischen Kirche in Oujda, ganz im Osten Marokkos, ist außergewöhnlich: Mitten in der Stadt teilt sie sich mit einer Moschee den zentralen Platz; links ragen die Kirchtürme, rechts der Turm des muslimischen Gotteshauses in den Himmel. Nein, auch was in der Kirche geschieht, ist besonders. Das Gotteshaus wird ökumenisch genutzt, und zwar die ganze Woche. Warum scheint das Miteinander von katholischen und evangelischen Christen in Marokko so viel leichter zu gelingen? Unterwegs in einem muslimischen Land.

Getrennt feiern, zusammen essen

Sonntag um Zehn feiert die katholische Gemeinde die Messe. Danach, um Zwölf, beginnt dann der Gottesdienst der Église évangélique au Maroc, und findet erst nach über drei Stunden langsam zum Ende. In der evangelischen Kirche Marokkos versammeln sich verschiedene Denominationen und eine bunte Schar von Menschen. Seit ungefähr 20 Jahren wandern verstärkt Menschen aus West- und Zentralafrika nach Marokko ein, wodurch die Kirche eine neue Blüte erlebt. Junge Studierende aus Kamerun, kongolesische Musiker und Presbyter aus Guinea feiern gemeinsam Gottesdienst.

Auch wenn die Gottesdienste getrennt gefeiert werden; beim anschließenden Mittagessen stößt lachend der katholische Diakon und einige Mitglieder seiner Gemeinde dazu. Man kennt sich – hängt das nur damit zusammen, dass man eben gemeinsam zur christlichen Minderheit im mehrheitlich muslimischen Marokko gehört? Nein. Denn auch abseits der Feiertage läuft man sich über den Weg. Die katholische Kirche öffnet das Kirchengebäude nicht nur für evangelische Gottesdienste, sondern auch für deren Ehrenamtliche. Diese helfen denjenigen Migranten, die es über die nahe algerische Grenze geschafft haben.

Keine Grenzen an der Grenze

Manche sind verletzt, man muss dabei einen 6m hohen Zaun überklettern: Sie erhalten erste medizinische Hilfe. Manche brauchen neue Kleidung: Dafür gibt es eine kleine Kleiderkammer. Wer Ruhe braucht, darf eine Nacht bleiben, eine dreiköpfige Familie wohnt seit ein paar Monaten hier, weil die Mutter an Krebs erkrankt ist. Die Engagierten wissen, dass ihre Hilfe nur ein äußerst kleiner Tropfen auf einem extrem heißen Stein ist, denn in den Wäldern um die Stadt gibt es illegale Camps mit hunderten BewohnerInnen. Aber auch dort bieten einige junge Jura-Studierende ihre Hilfe an.

Zwar wird das Team der Ehrenamtlichen von einem evangelischen Aktivisten geleitet, aber die Konfession spielt keine große Rolle beim Anpacken. Konfessionelle Grenzen werden hier nicht nur pragmatisch übergangen, sondern entspannt ignoriert.

Ökumenische Lehre

Weniger entspannt, dafür umso bewusster werden diese Grenzen im Institut al-Mowafaqa überwunden. Hier teilen sich Studierende der katholischen und evangelischen Theologie alles: Bibliothek, Seminarräume und Dozierende. Und das gleichzeitig, denn die Seminare werden gemeinsam gehalten: Jeweils ein/e evangelischer und ein katholischer DozierendeR tragen vor. Auch islamische Theologie steht auf dem Lehrplan, diese wird von Muslimen unterrichtet. Am Ende erhalten die Studierenden ein Zertifikat, mit dem sie in ihren Heimatländern in ihrer Kirche mitarbeiten können – katholisch oder evangelisch.

Zehn Tage reise ich durch Marokko – meine Gemeinde möchte eine Partnerschaft mit der marokkanischen evangelischen Kirche aufbauen –, und immer wieder beeindruckt mich, wie schlicht, selbstverständlich, herzlich und problemlos hier die Katholiken und Protestanten zusammen arbeiten, feiern und lernen.

Warum muss man so weit reisen, um echte Ökumene zu sehen? Warum spürt man diesen Wind nicht in Deutschland?

Advertisements

2 Gedanken zu “Ökumene auf marokkanisch

Kommentar abgeben

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s