Aus dem Leben von…

Aus dem Leben von… Alieu Ceesay

In regelmäßigen Abständen werde ich unter dem Titel „Aus dem Leben von…“ Menschen vorstellen, die ich aussergewöhnlich finde. Den Anfang macht Alieu Ceesay. Aus Spanien kommend, lebt der 27jährige Gambier seit 2 Jahren in Deutschland.

Man könnte sagen, Alieu ist ein Globetrotter: 1988 im Senegal geboren, ziehen seine Eltern aus der Hauptstadt Dakar nach Gambia, als er zwei Jahre alt ist. Dieses westafrikanische Land ist das kleinste in Afrika, nur 1.7 Millionen Menschen leben dort. Hier verbringt Alieu seine Kindheit.

„Meine Kindheit war normal. Ich wuchs mit meiner Mutter und zwei Brüdern auf, mein Vater verliess das Land, als ich noch klein war. Also kenne ich ihn nicht gut. Meine Mutter hat sich um uns gekümmert, und nie hat uns etwas gefehlt“.

Im April 2003 zieht er und sein Bruder nach Spanien, wo der Vater schon lange lebt. „Dort verbrachte ich die andere Hälfte meines Lebens“. Er geht zur Schule, lernt Spanisch.

„Der Unterschied war groß, in Gambia lernten wir nur Englisch, es war hart am Anfang, Spanisch zu lernen. Aber weil wir jung waren und schnell anfingen, zu sprechen, lernten wir auch schnell“. Die erste Hürde ist geschafft. 2011 gelint es ihm, die Ausbildung zum Schreiner erfolgreich zu beenden. Aber Krise in Spanien – keine Arbeit für Alieu. Obwohl er inzwischen eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis besitzt, entscheidet er sich, nach Deutschland zu ziehen. Wieder verlässt der mittlerweile 25-Jährige sein vertrautes Umfeld für eine ungewisse, hoffentlich bessere Zukunft.

Angekommen, stellt er in der Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe Ende 2013 Antrag auf Asyl. Ihm wird ein Heim in Großheppach zugewiesen, hier kreuzen sich unsere Wege.

Seine offene und entspannte Art macht ihn zum perfekten Gegenüber für meine ersten Gehversuche in castellano. Wir freunden uns trotz den beidseitig mangelnden Sprachkenntnissen an; sein Deutsch klang fast so wie mein Spanisch.  Aber uns verbindet die Lust an typisch deutscher Küche; bei Döner oder Kässpätzle beginnt Alieu zu erzählen.

„Ich kam hier her wegen der Arbeit, aber fast zwei Jahren später bin ich noch immer arbeitslos“. 

Sie erfüllt sich also nicht, die Hoffnung. In Deutschland ist es Asylsuchenden in den ersten 15 Monaten nahezu unmöglich, einer legalen Arbeit nachzugehen.* So bleibt es Alieu verwehrt, mit eigener Arbeit für seinen Unterhalt zu sorgen, seine Familie zu unterstützen oder – der große Traum – eine eigene zu gründen. Statt an der Werkbank steht Alieu nun im Abseits, das Leben im Heim ist trist.

„Die Zimmer sind sehr klein für drei Leute, und das Heim liegt weit vom Dorf, ohne viele Möglichkeiten“. Deutschkurs und Fernsehschauen bleiben so die einzigen regelmäßigen Beschäftigungen. Klein, wie Alieu es nennt, ist sein Zimmer tatsächlich; es handelt sich um einen Container.

alieu-unterkunft
Alieus Container, den er sich mit zwei weiteren Männern teilt.

„In Deutschland haben mich die jungen Leute überrascht, wie offen sie sind. Diese Mentalität ist sehr gut! Später lernte ich aber auch die andere Seite kennen: Leute, die hier keine Ausländer wollen, und ihre Blicke. Im Dorf fühle ich mich fremd, aber zum Beispiel in Stuttgart fühle ich mich immer wohl. Das Leben in einem kleinen Dorf ist schwieriger, deshalb fällt es mir schwer, mich hier anzupassen. In Spanien habe ich in einer Stadt gelebt und fühlte mich wie einer von vielen, hier ist das anders“.

Weil er sich noch immer fremd fühlt, vor allem aber, weil er noch immer keine Chance auf eine Arbeitsstelle hat, überlegt Alieu nun schon länger, wieder nach Spanien zurückzukehren.

Ich bestaune Alieus ungebrochenen Lebensmut und den Optimismus, mit dem er in die Zukunft blickt, mir scheint, sein Wille ist unbezwingbar. Ob er manchmal zweifelt, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben? Ob er manchmal verzweifelt an den Hürden, die er zu nehmen hat? Davon ist ihm erst einmal nichts anzumerken. Ganz im Gegenteil, Gespräche mit Alieu sind unglaublich lustig und lebendig und sein sprudelndes Lachen steckt an.

Auch nach den enttäuschenden Jahren der Arbeitslosigkeit in Spanien und als Asylsuchender in Deutschland treibt ihn die Sehnsucht nach einem Leben in Würde an. Diese Sehnsucht ist spürbar und gibt den Umbrüchen seines Lebens einen Sinn.

„Mein Traum ist es eigentlich, in Deutschland zu bleiben und zu eine Arbeit zu haben. Ein normales Leben eben, wie jeder. Nicht in einem Heim, eingeschlossen und ohne Chancen. Wenn ich Arbeit finde, bleibe ich, aber sonst ist es fast unmöglich, hier zu leben. Denn so ist das Leben sehr stressig und auf Dauer ist das schädlich für die Gesundheit. Mein Traum ist es, eine Stelle zu finden und ein besseres Leben zu leben“.

Wie schafft er das, weiterhin an dieses bessere Leben zu glauben, allem zum Trotz? Und wie geht er mit den Erfahrungen der letzten Jahre um?

„Ich kann nicht immer an der positiven Einstellung festhalten, manchmal verliere ich die Hoffnung. Aber ich tu immer so, als gehts mir so. Manchmal denke ich, dass keine Zukunft existiert, manchmal sehe ich das Licht am Ende des Tunnels nicht, da ist es dunkel. Aber ich muss stark sein! Und immer wieder denke ich, dass es Leute gibt, denen es schlechter geht“

Worte, die mich zurück auf den Boden der Tatsachen holen. Die zeigen, welchen Ängsten der 27jährige ausgesetzt ist und welche Auswirkungen das abgeschottete Leben im Heim hat. Von Herzen wünsche ich ihm, dass es gelingt, seinen Traum wahr werden zu lassen und Alieu eine Arbeit findet. Und solange er suchend ist, hoffe ich, dass er immer wieder Licht am Ende des Tunnels leuchten sieht.


Falls jemand im Raum Remstal/Stuttgart von einem Arbeitsplatz für Schreiner/Tischler/Zimmermänner o.Ä. weiß, würde sich Alieu über Informationen freuen. Gerne per Mail an mich oder als Kommentar.

*In den ersten drei Monaten dürfen Asylsuchende keiner Arbeit nachgehen. Danach muss nachgewiesen werden können, dass EU-Bürger für die Arbeitsstelle nicht infrage kommen. Bis September 2014 war der Zeitraum der Sperre und Nachrangigkeit deutlich größer.
(http://www.proasyl.de/de/themen/basics/basiswissen/rechte-der-fluechtlinge/)

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